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Innere Arbeit als Friedensarbeit

21. Aug.
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Aug.

Die Lösung unserer inneren ungelösten Konflikte ist Friedensarbeit im Individuellen wie auch im Kollektiven.



Eine gesunde innere Sicherheit ist die Basis für eine reife Kommunikations- und Konfliktfähigkeit. Denn nur in Sicherheit sind wir in der Gegenwart verankert und können daher aus der Gegenwart, das heisst, frei zuhören und antworten. Auf die jeweilige Situation adäquat antworten. Souverän und dem Inhalt angemessen. Wenn wir um unseren innersten Kern wissen, der unantastbar ist, dann sind wir bereit, uns berühren zu lassen. Und Berührung ist Begegnung, hier hören wir einander zu und antworten, auf die Gegenwart des Gegenübers, aus unser Gegenwart heraus. Wir wollen dann hören, was dieser wirklich sagt. Wir interessieren uns. Wir haben die Kapazität, auch uns entgegengesetzte Meinungen anzuhören, mit Respekt und ganzem Gehör. Es gibt keine Angst mehr, dass wir uns, unsere Integrität, Kompetenz, unseren Ruf, unsere Werte, irgendetwas, an das wir uns festhielten, verlieren, wenn wir uns der Meinung anderer Menschen - dem Inneren von anderen Menschen - öffnen.

Wir haben in uns selbst unseren fremden Seiten die Hand gereicht, sodass wir auch Andersdenkenden die Hand reichen können. Gerade wenn diese uns ganz konträre Werte und Denkweisen angenommen haben. Weil wir uns sehen, hinter unseren Gedanken und Gefühlen, können wir den Menschen sehen, der vor uns steht. Hinter seinen Meinungen, Gedanken, den Menschen hinter seinen Zielen.

Wenn wir die tiefen Bedürfnisse hinter dem Verhalten erkennen, können wir dem Anderen das gewähren, was er braucht. Wir erkennen die Bedürfnisse und den Menschen hinter den dramatischen Szenen. Wir erkennen die Bühne, den Vorhang, und die Masken und Kostüme. Wir sehen die Zuschauer, das Rampenlicht, die Tontechnik, die Eintrittspreise, wir sehen das Spiel. Sobald wir der Unterscheidung bewusst geworden sind - was Theater und was Leben ist - hat das Theater seine Intensität verloren. Seine Kraft. Seine Macht über uns. Die Erde ist stabiler als die Bühne. Und langlebiger.


Viele Konflikte werden nicht bewusst und bedacht zwischen souveränen, offenen Menschen geführt, sondern geschehen, oft von unbewussten emotionalen Vorgängen gesteuert, zwischen dysregulierten Nervensystemen. Zwischen Menschen, deren Nervensysteme in der Vergangenheit hängengeblieben sind, in Verhaltensmustern gefangen sind, anstatt aus einem bewussten aus der Gegenwart handelnden Selbst. Viele Konflikte werden auf der Bühne ausgetragen - anstatt auf dem Grund. Kleinigkeiten können grosse Emotionen auslösen, die nicht primär mit der gegenwärtigen Situation zu tun haben, sondern unsere ungelösten Ängste und Themen aus der eigenen Vergangenheit reaktivieren und zum Vorschein bringen. Scheinbar harmlose Streitigkeiten treffen tiefe ungelöste Wunden.

Die Bühne zeigt die Vergangenheit. Diese Art von 'Kommunikation' dreht sich um Recht haben wollen, sich Durchsetzen, Überzeugen, Kränken, Verletzen, Angreifen, Sich verteidigen, Konflikt vermeiden, Weglaufen - alles Reaktionen aus einem dysregulierten Nervensystem, welches bei Überforderung in das erlernte Muster von Kampf, Flucht, Erstarrung oder Anpassung verfällt.

Das Diskussionsthema bleibt nicht eine Sache, die wir in Ruhe diskutieren können, sondern wird zu einem persönlichen Wiederholungsmuster innerer ungeklärter Konflikte. Es kann emotional und körperlich so intensiv werden und existentielle Ängste und Emotionen hervorrufen, wenn Traumata im Spiel sind, und wir nicht merken, dass das Unbewusste uns in dem Moment in der Hand hält. Das Unbewusste regiert auf der Bühne. Es ist unser Regisseur - und wir handeln - von unseren Emotionen geführt. Dann wird aus der Diskussion ein Drama. Und die Beteiligten sind sich dessen nicht bewusst, wenn sie die psychologischen Prozesse nicht erkennen, oder mit der Schattenarbeit nicht vertraut sind.


Die Lösung für mehr Konfliktfähigkeit und Kommunikationsfähigkeit liegt in der individuellen Auflösung und Aufarbeitung der Vergangenheit. Im Bewusstwerden unserer eigenen bis anhin unbewussten Anteile, die unser Ich steuern, und unser Verhalten in Streit- oder Verhandlungssituationen unbemerkt kontrollieren.

Wollen wir uns von unserem Unterbewussten steuern lassen? Uns in Gesprächen von unserem Nervensystem, von Affekten leiten lassen? Oder wollen wir die Verantwortung für uns übernehmen, für ein souveränes, bewusstes und bedachtes Handeln, Denken und Fühlen.


Die Verantwortung für unsere innere Ausgeglichenheit ist kein idealistisches Ziel - es ist die Basis für eine konstruktive Beziehungs- und Kommunikationsfähigkeit. Um in Konflikten souverän und konstruktiv, der Sache angemessen antworten zu können, brauchen wir ein gesundes Selbst, das in der Gegenwart verankert ist. Ein Selbst, das sich so weit von seiner Vergangenheit gelöst hat - dass es sich möglichst nicht mehr von seinen alten Wunden leiten lässt, oder diese, wenn sie auftauchen, erkennt und anzuschauen bereit ist. Ein gesundes freies Selbst, das die Sache vom Selbst unterscheiden kann. Das die Dinge, um die verhandelt wird, nicht persönlich nimmt.


Ich sehe drei Schwerpunkte, die dafür notwendig sind. Im Prinzip ist alles dasselbe - aber vielleicht mögen es drei Ansichten einer selben Sache sein. Drei Annäherungsversuche, das Ziel zu veranschaulichen.


1. Das Erreichen der Gegenwart: Aus der Gegenwart heraus handle ich frei, ohne meine mitgetragenen Lasten, und unbewussten Schutzmechanismen, die mich aus dem Affekt handeln lassen. Aus der Gegenwart heraus kann ich sehen - um was es hier wirklich geht. Ich kann die Sache sehen. Ich kann den Menschen sehen. Ich kann unterscheiden - was ist das Verhandlungsthema - was sind die Gedanken - was sind die Gefühle - was ist der Mensch. Wir können sehen. Das heisst wir können differenzieren. Wenn wir Vergangenes mit uns tragen, haben wir eine Vermischung aller Ebenen in uns, die uns verhindert, klar zu sehen. Zu unterscheiden. Klare Unterscheidungsfähigkeit ist eine Bedingung für eine differenzierte Entscheidung, die dem Thema und den Menschen gerecht wird.


2. Das Erreichen eines Standpunktes, von dem aus ich keine Angst haben muss, etwas zu verlieren: Ich habe die Angst abgegeben, dass ich etwas verteidigen muss, durchsetzen muss, als ob mein Ruf, meine Karriere, meine Integrität daran hängt - als ob mein Leben - meine Identität - mein Ich an dieser Sache hinge. Ich habe meine falsche Identifikation mit der Sache aufgegeben. Ich habe erkannt - dass 'Ich' nicht die Sache bin, über die wir diskutieren. Ich habe mich von der Sache gelöst. Ich habe erkannt, dass ich jenseits alles Geschehens, aller Entscheidungen, aller Meinungen, aller Gedanken und Gefühle, jenseits aller Erfahrung im Leben bin. Ich habe erkannt, dass ich bin. Ich habe die Gewissheit, dass ich bin. Das ist meine Sicherheit. Ich bin - das ist Leben genug. Da kann im Aussen noch so viel passieren. Ich bin bei mir. Bei mir liegt meine Macht. Alles andere kann ich nicht kontrollieren - aber wie und ob ich darauf reagiere, antworte, das kann ich entscheiden. Hier bin ich in meiner Mitte. Und wenn dem Menschen klar wird, dass er jenseits seiner Gedanken und Handlungen, im Kern, unantastbar bleibt, kann es nicht um Sieg oder Niederlage gehen, um Durchsetzen oder Recht haben wollen, es kann dann um kreative gemeinschaftliche Lösungsfindungen gehen. Weil die Diskussionen und Debatten keine persönlichen Wettkämpfe mehr sind. Und klar geworden ist, dass nichts Essentielles verloren gehen kann - auch wenn nicht alles nach unserem Gefallen ausfällt.


3. Die dritte Perspektive ist diejenige der Sicherheit: Damit dieser Standpunkt möglich wird, damit das 'Ich' sich als Selbst erkennt, als unantbastbare Wesenheit, die aus der Gegenwart frei und unabhängig anworten kann, dafür braucht es Sicherheit. Die Sicherheit, die das Ich und das Nervensystem noch nicht kannten. Um jemandem, meinem Gesprächspartner diese Sicherheit gewähren zu können - kann ich bloss selbst alle Schutzmechanismen abgebaut haben, damit ich ihm urteilsfrei begegnen kann, ihm soviel Freiheit im Denken und Fühlen lasse - dass er und sein Nervensystem spüren, - hier muss ich mich nicht mehr verteidigen, hier muss ich nicht recht haben müssen, hier muss ich nicht stark sein müssen, hier muss ich mich nicht beweisen, hier muss ich keine Lösungen und Leistungen erbringen - hier muss ich gar nichts. Der gesamte Organismus kann erkennen, dass nichts gefordert wird, und kann langsam aufhören, gegen etwas anzukämpfen. Es ist nichts zu tun, um angenommen und gesehen zu sein. Es ist nichts zu tun, um gehört zu sein. Er ist gehört. Ohne dass er laut sein muss. Das ist Befreiung aus den alten Rollen. Das Spiel von der Bühne verlagert sich langsam auf den Grund, auf den Boden der Gegenwart zurück. Die Aufmerksamkeit auf die Masken und Rollen, auf die Lautstärke, das Wollen und Müssen, die Anstrengung, sich Gehör zu verschaffen, seine Wünsche durchzusetzen, die verblassen langsam, sie werden schwächer, das Licht auf der Bühne geht langsam aus. Bis wir am Boden der Tatsachen angekommen sind. Und wir in Ruhe miteinander reden können.

Auf der Bühne ging es um das Ich - am Boden geht es um das Wir.


Dieser neue Standpunkt (aus Gegenwart/Wesenskern/Sicherheit) schafft einen Wechsel aus dem Ich zum Wir. Das Selbst, unser Wesenskern hat sich bewusst entschieden, aus dem 'Wir' heraus zu antworten, statt das 'Vergangenheits-Ich', das sich selbst zu beschützen braucht und daher aus einer Überlebensnot heraus unbewusst reagiert.

Die Bühne lebt vom Unbewussten, der Boden nährt das Bewusste. Kreative Konfliktlösung erfordert ein bewusstes Denken und Wahrnehmen im Wir, und unkonstruktive Streitigkeiten geschehen aus einem nicht sicheren und ängstlichen Ich.

Wie frei kann ich zuhören - dass wir aus dem 'Ich' in den gemeinsamen 'Wir' Raum eintreten - und der Kreativität freien Lauf lassen, damit sie durch uns hindurch neue Lösungen fliessen lässt.

Die Vergangenheit spielt auf der Bühne und die Kreativität lebt auf dem Grund. Wie gegründet kann ich sein - wenn ich mit einem Menschen spreche. Wie sehr kann ich ihm aus dem Boden der Gegenwart zuhören, ihn als Menschen wahrnehmen, und als ganzer Mensch antworten.


Wenn wir uns selbst - diesem Wesenskern in uns - und unserem Gegenüber, so still zuhören, dann erfahren wir einen Raum, wo die Kreativität fliesst und Lösungen kommen, die grösser sind als was wir beide alleine hätten erfahren können. Dieser 'Wir' Raum ist die Quelle der Kreativität. Der Zukunft.

Und der Liebe. 

 
 
 

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